Siegpunkte sammeln, Gegner besiegen, die
Ziellinie zuerst erreichen… kurz: Gewinnen. Fast alle Spiele lassen sich
schlussendlich auf dieses Ziel reduzieren, selbst kooperative Spiele sind nur
selten eine Ausnahme. Aber es gibt sie. Jene Spiele, die das Spielen, das
Erleben selbst in den Vordergrund stellen. Bei Cozy Stickerville (Corey
Konieczka / Unexpected Games) wird nicht optimiert, nicht konkurriert und schon
gar nicht gewonnen. Stattdessen klebt man Sticker, erlebt Geschichten und
erfreut sich am Erblühen des gemeinsamen Dorfes.
Ein leeres Dorf und ein Stapel Karten
Trotz des idyllischen Settings beginnt Cozy
Stickerville direkt mit einem handfesten Skandal. Unser Vater ist mit unseren
bisherigen Lebensleistungen nicht zufrieden, schmeißt uns raus und vermacht uns
nur ein armseliges Stück Land mit viel Grünfläche, einem Fluss und ein paar
Büschen: Den Spielplan. Zehn Jahre (Partien) haben wir nun Zeit, dort ein
blühendes Dorf zu errichten. Dabei läuft jedes dieser Jahre nach dem gleichen
Schema. Über mehrere Runden ziehen wir Ereigniskarten, die Situationen in
unserem Dorf beschreiben. Von unerwarteten Besuchern über Katastrophen bis hin
zu erfreulichen Wendungen ist hier alles vertreten. Häufig geht das Ereignis
mit neuen Gebäuden, Einwohnern oder Dekoration einher. Hier kommen die Sticker
ins Spiel, die auf den Plan geklebt werden und unsere anfängliche leere
Landschaft vor unseren Augen erblühen lassen. Doch die Sticker beglücken nicht
nur das Auge, sie bieten im Anschluss auch Optionen.
Alles blüht und gedeiht
Nach jeder Ereigniskarte dürfen wir eine
Aktion ausführen. Von Anfang an sammeln wir Nahrung, fällen Holz, sprechen mit
Einwohnern oder gehen den Geheimnissen verschiedener Orte nach. Fast immer geht
dies mit dem Lesen eines Abschnittes im umfangreichen Storyheft und nicht
selten mit weiteren Entscheidungen einher. Schnell merken wir, dass es
unmöglich ist, alles zu entdecken. Das Dorf wächst rasant, Schwerpunkte müssen
gesetzt werden. Minispiele und kleinere Rätsel heischen zusätzlich um
Aufmerksamkeit. Dabei bedeutet jede Aktion, jedes gebaute Gebäude einen Verzicht
an anderer Stelle. Und unser quengeliger Vater lässt es sich natürlich nicht
nehmen, unsere Leistungen zu bewerten. Umso erfreulicher ist es, dass Cozy
Stickerville einen zweiten Durchlauf ausdrücklich ermöglicht. Einfach den Plan
wenden und ein neues, unbeflecktes Stück Natur entdecken. Und diesmal wird
unser Dorf bestimmt noch beeindruckender.
Fazit
Cozy Stickerville ist ein ruhiges,
entschleunigtes Spiel, das bewusst auf klassische Spielziele verzichtet. Es
lebt von Atmosphäre, von Gesprächen und von dem Gefühl, gemeinsam etwas
Bleibendes zu erschaffen. Die Einwohner wachsen einem schnell ans Herz, und
nicht selten ertappt man sich dabei, größere Ziele zugunsten des Happy Ends
einzelner Figuren zu vernachlässigen. In Cozy Stickerville muss man Freude
daran haben, ohne Eile zu spielen und Entscheidungen unabhängig vom Ergebnis zu
erleben. Wer sich ganz auf die Geschichte und die Entwicklung des Dorfes
einlassen kann, der findet hier ein ganz besonderes Erlebnis.
Wer dagegen eine echte Herausforderung,
Wettbewerb oder strategische Tiefe sucht, wird bei Cozy Stickerville nicht
glücklich. Die Zahl der Entscheidungen ist begrenzt und nimmt gerade im zweiten
Durchgang noch einmal deutlich ab, der entsprechend nicht viel mehr als ein
Bonus ist. Auch die Geschichte selbst hakt hier und da. Je nach Reihenfolge, in
der man die Events angeht, kann es durchaus kleinere Logikbrüche geben. All das
ändert aber wenig am sehr positiven Gesamteindruck. Cozy Stickerville ist
perfekt, um nach einem hektischen Tag gemütlich und in positiver Atmosphäre zu
entspannen. Ein Spiel, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen