Freitag, 10. Mai 2019

Detective


Immersion: Ein Effekt der, gerade bei der Verwendung von 3D-Brillen, das vollständige Eintauchen in eine virtuelle Umgebung beschreibt. Während dies bei Videospielen zu den spannendsten Trends der vergangenen Jahre gehört, gestaltet es sich bei Brettspielen naturgemäß schwierig. Egal wie thematisch ein Spiel ist, es fühlt sich doch stets wie ein Spiel an. Detective (Pegasus / Portal) setzt hier nun neue Maßstäbe. Zwar ist uns auch hier stets bewusst, dass es nur ein Spiel ist. Allerdings habe ich mich noch selten so in das Geschehen hineingezogen gefühlt wie beim Krimi-Spiel von Ignacy Trzewiczek.






Eine Kampagne voller Fragen
Detective ist als Kampagne angelegt, die fünf zusammenhängende Fälle bietet. Jedem gemein ist eine Einleitung sowie ein Stapel Karten, die voller Hinweise stecken. Anders als bei aktuellen Rätselspielen gibt es hier aber keinen richtigen oder falschen Weg. Vielmehr bereisen wir verschiedene Orte, lesen Hinweiskarten und entscheiden, welchen Spuren wir folgen wollen. Jede Karte, jede Spur und jede Information muss dabei mit Zeit oder Fertigkeitsmarkern bezahlt werden. Das Gemeine: Zeit und Marker sind knapp, es ist unmöglich, jeder Spur zu folgen. Mitunter führen uns bestimmte Hinweise in die Irre oder „nur“ zu Storykarten, die aktuell wenig nutzen, uns dafür aber Hinweise für spätere Fälle bieten. Hier die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist der Schlüssel zum Erfolg. Zudem bietet uns das Spiel selten die Lösung auf dem Silbertablett. Vielmehr müssen wir die gesammelten Informationen analysieren und unsere eigenen Schlüsse ziehen. Viel näher an Polizeiarbeit dürfte bislang kaum ein Spiel gekommen sein. 


Antares
Hilfreich zur Seite steht uns dabei die Antares-Datenbank. Eine App, in der wir Informationen und Spuren verwalten, Personen- oder Fallakten lesen und Proben abgleichen. Zudem führen wir auch immer wieder Recherchen (etwa bei Wikipedia) durch, denn der Fall bewegt sich entlang historischer Begebenheiten. Ein weiterer Punkt, durch den sich das Lösen des Falls tatsächlich sehr real anfühlt. Denn wir sind nicht in fiktiven Städten unterwegs, sondern greifen auf Google zu und forschen entlang realer Fakten.

Den Fall gelöst?
Ganz egal wie clever wir vorgehen: Irgendwann geht uns die Zeit aus. Und zwar üblicherweise lange bevor wir alle Karten gesehen haben. Nun wird es Zeit, unserem Vorgesetzten Bericht zu erstatten. Dazu stellt uns Antares eine Reihe von Multiple-Choice Fragen. Die benötigten Antworten müssen wir aber stets schlussfolgern, einfach nur auf einer Karte nachlesen gibt es bei Detective (fast) nicht. Wenig überraschend gibt es für richtige Antworten Punkte, ebenso wie für unterwegs gesammelte und in Antares eingegebene Beweise. Egal wie die Wertung aussieht, sitzenbleiben können wir in Detective nicht. Stets dürfen wir nach dem Abschlussbericht zum nächsten Fall voranschreiten, um den wahren Hintergründen Stück für Stück auf die Spur zu kommen.


Fazit
Detective ist tatsächlich mal wieder ein Spiel, das sich von gängigen Mechanismen löst und seinen ganz eigenen Weg geht. Selten zuvor habe ich mich von einer Geschichte so gefesselt gefühlt, selten habe ich so mitgefiebert. Wie sich hier nach und nach eine eigene kleine Welt vor uns entfaltet, das ist wirklich etwas Besonderes. Dabei führt einen das Spiel recht behutsam an das Geschehen heran. Zu Beginn sind die Fakten noch überschaubar, wir haben Zeit, das ungewohnte Spielkonzept zu verinnerlichen. Doch mit jedem weiteren Hinweis offenbaren sich neue Verbindungen, tauchen weitere Handlungsstränge auf und stellen sich zusätzliche Fragen. Mitunter wirkt das zwar etwas erschlagend, schlussendlich wird aber fast alles zu einem passenden Ende geführt. Und das müssen wir sogar noch selbst zusammenpuzzeln. Als wir spät im Spiel durch eigene Recherche und Deduktion eine Person wiedergefunden haben, deren Spur wir ganz zu Beginn verloren hatten, hat sich das wirklich besonders angefühlt. Insbesondere, da uns eben keine Karten darauf hingewiesen haben. Vielmehr mussten wir die Schlüsse allein ziehen. Und das hat bislang noch kein Spiel geschafft.

Natürlich hat dieses offene Spielprinzip auch seinen Preis. In diesem Fall bedeutet es einerseits, dass die einzelnen Fälle teilweise sehr lange (potentiell mehr als 4 Stunden) dauern. Andererseits sollte man die Fälle zügig hintereinander und mit der stets gleichen Gruppe spielen, um keine wichtigen Details zu vergessen. Am besten werden dazu auch noch umfangreiche Notizen angefertigt, da selbst Kleinigkeiten später noch mal relevant werden können. Für manche Spieler fühlt sich das mehr nach Arbeit als nach Spiel an. Auch die Vergabe der Punkte am Ende einer Mission hat bei mir immer wieder für Kopfschütteln gesorgt. So haben wir einen Fall verloren obwohl wir fast alles wussten, nur weil uns im falschen Moment die Marker gefehlt haben. Einen anderen Fall haben wir gewonnen, obwohl wir gefühlt keine Ahnung hatten, was vor sich ging.

Leider fehlt am Ende auch eine sinnvolle Auflösung. Kann ich einen Fall nicht lösen gibt es dazu zwar ein paar Randinformationen, große Teile bleiben mir aber für immer verschlossen. Während der Kampagne ist das notwendig, um nicht spätere Fälle zu spoilern. Am Ende hätte ich mir aber eine Auflösung gewünscht. Wir sind zwar siegreich aus der Kampagne hervorgegangen, konnten aber dennoch nicht alle Fragen lösen. Dass uns hier die Antworten schuldig geblieben werden, fühlt sich frustrierend an. Ich will wissen, was ich verpasst habe. Insbesondere, da Detective durchaus auch durch etwas Pech (eine schlechte Wahl der verfolgten Spuren) an die Wand gefahren werden kann.

Unabhängig von den genannten Problemen ist Detective dennoch eine klare Empfehlung. Einen so packenden Kriminalfall und ein solch intensives Spielerlebnis darf man sich eigentlich nicht entgehen lassen. 


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