Montag, 15. Juni 2015

Broom Service

Den Mutigen gehört die Welt
Heutzutage beobachten dutzende Blogger und noch viel mehr Spielbegeisterte die Szene, durchleuchten jeden Neuheitenkatalog und saugen auch noch die winzigste Information auf. Unter diesen Bedingungen scheint es ja Schlichterdings unmöglich, noch überrascht zu werden. Entsprechend wusste natürlich auch jeder bereits im Vorfeld, welche Spiele im Mai zum Spiel des Jahres nominiert werden würden. Überraschungen ausgeschlossen. Zumindest bis die Jury mit Broom Service (Andreas Pelikan und Alexander Pfister / Alea, Ravensburger) einen Titel zum Kennerspiel nominiert hat, den wohl tatsächlich niemand auf der Rechnung hatte (hier nachzulesen).

Dies dürfte nicht zuletzt daran gelegen haben, dass viele in dem Spiel nur eine Neuauflage von „Wie Verhext“ sahen. Und tatsächlich haben beide den gleichen Kernmechanismus und ein identisches Thema. Aber Broom Service hat noch viel mehr zu bieten.


Die Rollen
Beginnen wir direkt einmal mit dem Kernelement: Den Rollenkarten. Jeder Spieler bekommt zu Spielbeginn einen identischen Satz aus 10 Karten und wählt in jeder Runde 4 davon aus. Diese ermöglichen beim Ausspielen verschiedene Aktionen, welche mehr oder weniger direkt dem Erwerb von Siegpunkten dienen. So können wir etwa mit der Hilfe von Sammlern Rohstoffe (Tränke oder Zauberstäbe) erwerben, Hexen und Druiden liefern diese an passender Stelle für Siegpunkte ab. Die Wetterfee dagegen sorgt für Sonnenschein, indem sie punkteträchtige Wolken mittels Zauberstab weghext und damit den Weg frei räumt. Klingt bis hierhin ganz einfach. Bis man sich die Karten genauer anschaut und darauf 2 verschiedene Optionen entdeckt.



Mutig oder feige
Beim Ausspielen jeder der 10 Rollenkarten muss der Spieler entscheiden, ob er die Aktion „mutig“ oder „feige“ ausführen möchte. Entscheidet man sich dabei für feiges Vorgehen, ist eine überschaubare Ausbeute sicher. Deutlich mehr Ertrag verspricht dagegen die mutige Variante, allerdings nicht ohne Risiko. Denn nachdem eine Karte gespielt wurde, muss reihum jeder Spieler die gleiche Karte ausspielen, sofern vorhanden. Während die feigen Spieler dabei sicher etwas bekommen, gehen alle bis auf den letzten Mutigen leer aus. Also lieber mal den kleinen Trank in der Hand nehmen, als den ganzen Kessel auf dem Dach zu riskieren.

Der Plan
Bis hierhin ähnelt Broom Service noch weitestgehend seinem Vorgänger. Gänzlich neu ist dagegen der Spielplan. Denn Tränke lassen sich keineswegs einfach überall abstellen. Vielmehr befinden sich auf dem Spielplan verteilt Türme, die für farblich passende Tränke Punkte offerieren. Viele dieser Türme können nur einmal beliefert werden, um Reisen kommt man also kaum herum. Obendrein bieten weit entfernte Türme deutlich mehr Punkte, mittels Hexen über den Plan zu fliegen kann sich also durchaus lohnen.

Lukrative Möglichkeiten bieten auch einige der Ereigniskarten. Insgesamt 7 von 10 davon sind jedes Mal mit von der Partie und für genau 1 Runde gültig. Zumeist werden hierbei einzelne Spielregeln außer Kraft gesetzt, wodurch etwa jede Karte mutig gespielt werden muss oder mehr Handkarten erlaubt sind. Natürlich sind auch wieder auf verschiedensten Wegen Punkte zu gewinnen. Und genau davon wollen wir Schlussendlich am meisten haben, um als Sieger vom Besen zu steigen.

Die Varianten
Wem all dies noch nicht ausreicht, für den haben die Autoren gleich noch Varianten beigelegt die das Spiel abwechslungsreicher aber auch komplexer gestalten. So beeinflussen Wolken etwa die direkte Umgebung oder über dem Plan verteilte Geländeplättchen liefern Boni für denjenigen, der das entsprechende Feld betritt. Abwechslung verspricht obendrein der beidseitige Spielplan. Insgesamt eine gelungene Lösung um einerseits einen einfachen Einstieg, andererseits aber auch eine gewisse Komplexität sicherzustellen.


Fazit
Nach der Wahl der Jury hat sich die Berichterstattung zu Broom Service in den vergangenen Wochen naturgemäß deutlich gesteigert. Und einige Worte lassen sich dabei fast immer finden: Entscheidungen, Spannung, Emotionen, Schadenfreude. In Broom Service scheint es also hoch her zugehen. Und tatsächlich lebt das Spiel wie wenige Andere von der direkten Interaktion mit den Mitspielern, vom Durchkreuzen der Pläne und den häufigen und niemals trivialen Entscheidungen. Auch ich habe selten eine Partie erlebt, in der die Emotionen nicht hoch gekocht wären.

Allerdings muss ich auch ganz klar sagen, dass dies nicht immer von Vorteil ist. Denn in Broom Service werden eigene Pläne in Sekundenschnelle zunichte gemacht, Karten wie Mitspieler können einem übel Mitspielen und nicht selten bekommen einzelne Spieler absolut keinen Fuß auf den Boden. In solchen Momenten stehe auch ich häufig kurz davor, in die Tischplatte zu beißen und mich nach einer Partie Elysium (hier) oder Auf den Spuren von Marco Polo (hier) zu sehnen. Dabei wird das Spiel mit steigender Spielerzahl unberechenbarer, im gleichen Maße nehmen aber auch jene Emotionen zu. Wie man selbst zu solchen Spielelementen steht muss jeder selbst entscheiden. Reichlich davon geboten werden auf jeden Fall.

Dass Broom Service zum Kennerspiel des Jahres nominiert wurde, kann ich dennoch gut nachvollziehen. Denn in kaum einem Spiel der letzten Jahre war man als Spieler stets so involviert, hat jede Sekunde mitgefiebert und ständig zwischen Verzweiflung und Schadenfreude geschwankt. 


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