Freitag, 6. November 2015

My Village



Möglicherweise bin ich ja doch nicht so alt wie ich mich fühle. Aber als ich den Namen My Village zum ersten Mal hörte, kamen bei mir sofort Assoziationen zu My Free Farm und Konsorten auf. Muss also wohl eine vereinfachte und eher simple Version von Village sein, seines Zeichens immerhin Kennerspiel des Jahres. Und dann auch noch mit Würfeln. War ja klar, ist immerhin gerade voll in Mode.

Und dann kam Herne und mit Herne die erste Partie My Village (damals noch an einem Prototypen). Oh man, lag ich mit meiner Einschätzung daneben. Das Spiel ist vieles, aber sicherlich nicht einfach und simpel. Und eine reine Würfelumsetzung ist es schon gar nicht.



Eigentlich ganz einfach
Wobei. Zumindest ein Würfelspiel ist es ja irgendwie schon. Und ganz einfach ja eigentlich auch. Eigentlich wiederholen wir das gesamte Spiel über nur 4 einfache Schritte:

1. Der Startspieler würfelt eine Hand voll Würfel. 
2. Jeder Spieler sucht sich reihum 2 dieser Würfel aus. 
3. Mit der Würfelsumme werden entweder 1 schwarzes oder alle weißen Banner aktiviert. 
4.  Zurück zu Punkt 1.

OK, wer sich auch nur rudimentär mit Informatik auskennt, der wird bemerkt haben, dass da etwas nicht stimmen kann. Denn einmal in dieser Schleife gefangen, kommen wir so schnell nicht mehr heraus. Es muss also doch noch etwas mehr in My Village stecken. Also vielleicht doch nicht ganz so einfach.


Die schwarzen Banner
Vielleicht beginnen wir also doch besser von Vorne. Zu Beginn des Spiels liegen in der zentralen Auslage haufenweise rechteckige Karten aus, die Kirchen, Handelskontrakte, Felder oder ähnliches zeigen. Obendrein befinden sich auf all den Karten schwarze Banner mit einer Zahl zwischen 2 und 12. Während das Zentrum also reichhaltig bestückt ist, fällt das eigene Dorf noch sehr überschaubar aus und besteht eigentlich nur aus dem Starttableau. Das wollen wir natürlich umgehend ändern. Und genau hier kommen die schwarzen Banner ins Spiel. Denn sobald wir 2 Würfel genommen haben, dürfen wir diese dazu einsetzen, ein Gebäude mit der passenden Zahl in die eigene Auslage zu legen.

Die weißen Banner
Im Prinzip können wir dieses Prozedere jede Runde aufs neue Ausführen und unser Reich damit stetig wachsen sehen. Allerdings bringt das eher wenig, sind die Gebäude doch ohne Aktivierung nur schmückendes Beiwerk. Und hier kommen nun die weißen Banner ins Spiel. Anstatt eine Karte aus der Mitte zu nehmen, können wir nämlich einfach alle weißen Banner der verwendeten Zahl in der eigenen Auslage aktivieren. Anfänglich liegt hier noch nicht wirklich viel, nach einiger Zeit sollte sich das aber geändert haben. Und wer hier clever gewählt hat, der kann mit einem Würfelwurf Waren produzieren, Siegpunkte generieren und nebenbei auch gleich noch Handel betreiben.


Die Karten
Jetzt habe ich bereits so viel von Karten geredet, aber noch kaum ein Wort darüber verloren was diese eigentlich bringen. Nun, das variiert tatsächlich stark. Am einfachsten sind wohl die Produktionskarten, die etwa Fässer, einen Pflug oder Pferde herstellen. Diese können zum Kauf weiterer Karten verwendet oder direkt beim Händler (noch mehr Karten) gegen Siegpunkte getauscht werden. Darüber hinaus gibt es Felder die für ein stetes Einkommen sorgen (womit sich Würfel manipulieren lassen), Reisekarten die Siegpunkte bieten oder Kirche und Rathaus die uns mit netten Sonderfähigkeiten versorgen.

Der Sensenmann
Bisher klang all das noch recht einfach. Karte nehmen, Karte aktivieren, Siegpunkte einsammeln. Nun, ganz so einfach ist es dann leider doch nicht. Denn fast alles in My Village kostet (neben diversen Rohstoffen) Zeit. Und wer den Vorgänger kennt der weiß, dass Zeit ein kostbares Gut ist. Um diese festzuhalten, bewegen wir mit fast jeder Aktion einen Stein entlang der Zeitleiste unseres Tableaus. Nach jeder vollen Runde segnet einer unserer (ursprünglich 5) Bürger das zeitliche. Und das stellt uns leider vor einige Probleme. Denn wenn einer unserer Bürger stirbt, kann der dazugehörige Aktionsbereich fortan nicht mehr benutzt werden. Dadurch verlieren wir etwa die Möglichkeit zu Handeln, zu Reisen oder die Sonderfähigkeit unseres Rathauses. Zumindest bis wir (mittels Würfeln) für Nachwuchs gesorgt haben.

Obendrein bestimmt der Sensenmann in My Village auch gleich noch das Ende des Spiels. Denn sobald eine spielerzahlabhängige Menge an Bürgern das zeitlich gesegnet hat, endet die Partie und der Sieger steht fest.


Fazit
Ich habe inzwischen bereits mehrfach erwähnt, dass My Village eigentlich ein ganz einfaches Spiel ist. Und tatsächlich sind die grundlegenden Regeln schnell verstanden. Gerade in den ersten Partien führen die Fülle an Material und die Optionsvielfalt dennoch schnell zu einer leichten Überforderung. Dabei gehört My Village zu der Sorte Spiel, die eine Fokussierung auf wenige Bereiche belohnen. Sich zu breit zu streuen ist selten lukrativ und obendrein reicht die Zeit dafür kaum aus. Dies wird noch verstärkt von der Tatsache, dass eine Partie My Village häufig viel schneller endet als geplant. Insbesondere wenn ein erfahrener Spieler das Ende gezielt forciert ist die Zeit stets knapp.

Und dabei gibt es doch so viele Strategien zu erforschen. In den ersten Partien hat sich das Reisen als sehr beliebt herausgestellt, aber auch Produktion und Handel versprechen viele Siegpunkte. Die richtigen Kirchen (und damit Sonderfähigkeiten) vorausgesetzt, bietet fast jedes Vorgehen Siegpotential. Und genau das macht auch den Reiz von My Village aus. Ist man einmal mit dem grundlegenden Spielprinzip vertraut, gibt es dennoch einiges zu entdecken und auszuprobieren.

Auch darüber hinaus bietet My Village einige gelungene Ideen. So ist etwa der Einsatz schwarzer Spielsteine als universelle Marker schön gelöst (und erinnert etwas an La Granja) und auch der Würfeleinsatz ist gelungen. Ein kleiner Glücksfaktor ist hier nicht zu leugnen, es gibt aber ausreichend Möglichkeiten das Glück auf die eigene Seite zu ziehen. Selbst für etwas Interaktion ist gesorgt, indem frühzeitig sterbende Charaktere Punkte offerieren und eine Seuche auslösen, die ungeschützte Punkte vernichtet. Spieler für die eine umfangreiche Interaktion wichtig ist werden damit zwar kaum glücklich werden, für meinen Geschmack ist das gewählte Maß aber durchaus ausreichend.

Zu meckern habe ich an dieser Stelle tatsächlich recht wenig. Abseits vom etwas holprigen Einstieg und dem zwingenden Fokus auf einzelne Elemente waren meine Mitspieler eigentlich durchweg angetan. Ob es dabei auf Dauer mit Village mithalten kann wage ich zwar noch zu bezweifeln, dennoch ist My Village ein rundum gelungenes Werk, dass sich hinter seinem Vorgänger kaum verstecken muss.  


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