Montag, 14. Dezember 2020

MicroMacro: Crime City

Als überzeugtes Landei bin ich Großstädten gegenüber prinzipiell skeptisch eingestellt. Zu laut, zu schnell, zu voll. Da bleibe ich lieber in meiner heimeligen Umgebung, wo der Blick aus dem Fenster nicht mehr als ein Nachbarhaus und zwei Bauernhöfe in einiger Entfernung offenbart. Und offensichtlich ist es hier auf dem Land auch viel sicherer. Zumindest kann ich mich nicht an eine „kriminelle Handlung“ erinnern, die über das Stibitzen von ein paar reifen Äpfeln hinausging. Ganz anders in der Großstadt Crime City, in die uns MicroMacro (Johannes Sich / Edition Spielwiese) entführt. 
 
 
 
 
 

Faltplan voller Verbrechen 
Die älteren unter uns können sich bestimmt noch erinnern. Bevor es Navigationsgeräte und Handys gab, war man als Reisender häufig auf überdimensionierte Faltpläne angewiesen. Die waren nicht nur fast unmöglich wieder zusammen zu legen, sondern die Nutzung artete häufig auch in eine Art Wimmelbild aus. Und damit wären wir auch schon beim Thema. Denn genau solch ein Plan macht den wesentlichen Teil von MicroMacro aus. Anders als gewohnt ist er allerdings schwarz/weiß und zeigt die Aufnahme einer Großstadt inklusive Hafen, Nahverkehr und einer Vielzahl von Gebäuden und Personen. Das Besondere dabei ist, dass wir keine Momentaufnahme sehen. Vielmehr werden viele der Personen zu verschiedenen Zeiten dargestellt, wodurch sich deren Bewegung in der Stadt zurückverfolgen lässt. Und genau das ist unsere Aufgabe.

 


Krimis in kartenform
Um ganz ehrlich zu sein, würde das schon fast genügen, um viel Spaß mit MicroMacro zu haben. Für ein vollwertiges Spiel wäre es aber vielleicht doch etwas zu wenig. Darum befindet sich zusätzlich ein großer Stapel Karten in der Box, die mehrere kleine Geschichten erzählen. Zumeist müssen wir zuerst einen Tatort finden, den Hergang und das Motiv rekapitulieren und am Ende den Täter erwischen. Die ersten Fälle sind dabei denkbar einfach und mit ein paar Blicken auf den Plan in Minuten gelöst. Spätere Fälle sind deutlich komplexer und benötigen auch die eine oder andere Schlussfolgerung. Wer dennoch unterfordert ist, der kann die Karten gleich ganz weglassen und sich nur anhand des Plans voran arbeiten. Oder einfach so auf Streifzug gehen, denn zu entdecken gibt es reichlich.
 
 
Fazit

Die Crime City hat definitiv so ihre Probleme. Und auch MicroMacro ist nicht ohne Schwächen. Das beginnt schon damit, dass man sehr gute Augen und optimale Lichtverhältnisse benötigt, um etwas auf dem Plan zu erkennen. Auch die beilegende Lupe ist eher gut gemeint als gut gemacht. Zugleich können nur dann sinnvoll mehr als zwei Personen spielen, wenn manche Mitspieler über Kopf auf den Plan schauen. Auch die Altersangabe ist mit Vorsicht zu genießen. Spielerisch können auch Achtjährige ihren Spaß haben, die Themen sind aber oft alles andere als kindgerecht. Zuletzt sind gerade die ersten Fälle so einfach, dass die meisten Spieler wohl nur wenige Minuten benötigen.

Und dennoch: Trotz der kleinen Macken macht MicroMacro einfach unglaublich viel Spaß. Allein die kreativen und liebevollen Details des Plans können stundenlang fesseln. Überall gibt es etwas zu entdecken, auch abseits der eigentlichen Aufgaben ist in Crime City richtig viel los. Und so erwischt man sich auch während des Falls ständig dabei, die Mitspieler auf besonders lustige (aber gerade komplett irrelevante) Details hinzuweisen oder gar einer anderen Geschichte zu folgen. Doch auch die Fälle selbst machen Spaß, die Schwierigkeit steigt mit der Zeit spürbar und die Geschichten sind allesamt kreativ und unterhaltsam. So viel Spaß hatte ich mit einem Wimmelbild schon lange nicht mehr.

Leben würde ich in der Crime City ganz bestimmt nicht wollen. Auf meinen nächsten Besuch freue ich mich aber schon jetzt.


 

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