Donnerstag, 14. Mai 2020

My City


Legacy-Spiele sind etwas Großartiges. Wie in einem Buch oder in einem Film ermöglichen sie, eine fortlaufende Geschichte zu erleben. Wir beginnen nicht mehr jede Partie bei Null, vielmehr wirken sich unsere Entscheidungen, unsere Erfolge und Misserfolge auch auf die kommende Partien aus. Plötzlich fiebern wir viel stärker mit und entwickeln regelrecht Bindungen zu unseren Protagonisten, unseren Königreichen oder Handlangern. Schade eigentlich, dass diese Emotionen bislang im Wesentlichen den erfahreneren Spielern vorbehalten wurden. Bis jetzt. Denn mit My City (Reiner Knizia) veröffentlichte Kosmos nun ein Legacy-Spiel, an dem auch weniger erfahrene Spieler ihren Spaß haben.




Der erste Stein ist der einfachste
Wie es sich für ein Legacy-Spiel gehört, beginnt alles noch vergleichbar simpel. Jeder Spieler bekommt einen leeren Spielplan, der im Laufe der Partie eine Stadt beherbergen soll. Obwohl, so leer sind die Pläne eigentlich gar nicht. Vielmehr können wir direkt ein paar Bäume und Felsen sowie einen Fluss entdecken. Und ein Raster aus Vierecken. Ganz viele Vierecke. Genau dieses Raster wollen wir nun mit unseren Tetris-artigen Gebäuden bebauen. Dazu wird Runde für Runde eine Karte aufgedeckt, die eines der Gebäude zeigt. Das legen wir nun alle in die Stadt. Zuerst an den Fluss, später benachbart zu eigenen Bauwerken. So viel mehr Vorgaben gibt es eigentlich gar nicht. Wer ordentlich Punkten will, der sollte allerdings möglichst viel Grünfläche und Felsen abdecken, Bäume sollten dagegen zu sehen sein.


Umschläge über Umschläge
In der Grundversion ist der Ablauf von My City denkbar einfach und dient eher als simpler Einstieg. Mehr muss er aber auch gar nicht. Denn dem Spiel liegen insgesamt 8 Umschläge bei, gefüllt mit neuem Material und Regeln für 24 Partien. Nach jeder Partie kommen neue Elemente ins Spiel, so gleicht tatsächlich keine Runde der Anderen. Plötzlich tauchen Brunnen auf dem Plan auf, neue Gebäude wollen gebaut und Sticker in unser Reich geklebt werden. Die Entdeckungen gehen entsprechend nicht so schnell aus. Und wer doch irgendwann durch ist, der hat die Möglichkeit zum Endlosspiel zu greifen, dessen Schwierigkeitsgrad in etwa dem Mittelteil der Kampagne entspricht.

Strafe für den Sieger
Wer die einzelnen Partien gewinnt, das ist recht offensichtlich: Derjenige, der die meisten Siegpunkte sammelt. Allerdings wird bei My City auch ein Kampagnensieger gekürt. Nach jeder Partie werden Punkte für die Platzierung vergeben. Doch auch wer hier verliert, muss keinesfalls traurig sein. Denn in fast allen Runden bekommen die Verlierer einen kleinen Bonus, etwa zusätzliche Bäume für ihren Spielplan. Der Gewinner muss dagegen häufig mit einem kleinen Nachteil für die kommenden Runden leben. So bleibt das Spiel zumeist lange spannend und kleinere Stärkeunterschiede der Spieler werden teilweise ausgeglichen.


Fazit
Die erste Partie von My City führt bei erfahrenen Spielern zumeist zu Schulterzucken. Ein nettes Spiel, das man so oder so ähnlich schon mehrfach gesehen hat. Und genau so ist das wohl auch gedacht. Denn der Einstieg ist wirklich einfach und selbst für unerfahrene Spieler locker zu stemmen. Das Spannende, das Interessante kommt mit den Umschlägen. Durch die neuen Elemente wird My City von Partie zu Partie fordernder und fesselnder. Die Komplexität steigt überwiegend in einem angenehmen Tempo, gleichzeitig gibt es aber immer etwas Neues zu entdecken und neue Vorgehensweisen auszuprobieren. Der Drang, stets „nur noch eine weitere Partie“ zu spielen oder einen weiteren Umschlag zu öffnen ist enorm und führt dazu, dass die 24 Partien überraschend flott durchgespielt sind.

Nach dem Ende der Kampagne bleibt das Endlosspiel, was leider nicht wirklich überzeugen kann. Wenn man zuvor all die neuen Elemente gesehen hat, bietet das tatsächlich zu wenig. Doch auch die Kampagne selbst hat schon kleinere Schwächen. Gerade die finalen Partien waren mir etwas zu komplex und passen nicht so recht zum zuvor lockeren Spiel. Entsprechend ging hier auch die Punkteschere sehr weit auseinander, der Aufholmechanismus hat nicht mehr ausgereicht. Zuletzt hätte ich mir etwas mehr Rahmenhandlung gewünscht. Gerade Legacy-Spiele bieten viele Möglichkeiten für eine spannende Geschichte, die hier allerdings ungenutzt bleiben.

Bei My City ist nicht alles perfekt. Dennoch bietet es für 24 Partien sehr gute Unterhaltung und einen klasse Einstieg in die Welt der Legacy-Spiele.


Keine Kommentare:

Kommentar posten